„Rhun, könntest du die Kekse aus dem Ofen holen?“, rief Merle von ihrem Balanceakt auf der Couch im Wohnzimmer aus, wo sie zum hundertsten Mal die Girlande in Rosa und Gold an der Wand gerade rückte. Nicht, dass die Girlande das nötig gehabt hätte, aber Merle hatte es nötig gehabt, etwas zu tun, außer auf der Couch zu sitzen und Däumchen zu drehen.
Niemand ließ sie bei den Vorbereitungen mithelfen, und sie vermutete, dass das weniger damit zu tun hatte, dass sie diejenige war, für die diese Babyparty veranstaltet wurde, als vielmehr damit, dass alle aus irgendeinem Grund dem Glauben verfallen waren, sie sei im fünften Monat schwanger plötzlich nicht mehr in der Lage, körperliche Arbeit zu verrichten.
„Was machst du denn da oben?“, quietsch-kreischte Lily von irgendwo hinter ihr.
Merle drehte sich um, während sie noch auf dem Sofakissen stand, und warf ihrer besten Freundin einen bösen Blick zu, die sofort zu ihr herüber eilte.
„Ich lasse dich eine Minute allein“, schimpfte Lily, während sie Merle mit sanftem Dämonendruck vom Sofa herunterholte, „und schon kletterst du wie eine ungehobelte Ziege auf die Möbel.“
„Ich habe den entsprechenden Appetit.“ Merle strahlte Lily an und schnappte sich einen Grissini aus dem Glas auf dem Couchtisch.
„Setz dich einfach hin und lass uns die Vorbereitungen machen, okay?“
„Das kann ich aber nicht!“ Merle warf den Kopf zurück und starrte dramatisch an die Decke. „Ich bin viel zu nervös.“
Lily stand mit den Händen in den Hüften da und schaute sie mit einem kalkulierenden Blick an. „Was, nur weil dieser große Trottel von einem Dämonenlord zur Babyparty kommt? Warum bist du deswegen nervös? Es ist nicht das erste Mal, dass er hier ist. Und du hast ihn schon unzählige Male getroffen.“
„Ich weiß, aber … das war aus beruflichen Gründen. Das hier ist … anders. Wir haben ihn noch nie zu etwas Privatem und Familien-mäßigen eingeladen, weißt du?“
Und in den letzten Monaten hatte es durchaus einige Anlässe gegeben, zu denen man normalerweise den Partner eines Geschwisters mit einbeziehen würde, wie zum Beispiel Geburtstagsfeiern oder hier und da ein Feiertagstreffen. Es war nun etwa vier Monate her, seit Maeve und Arawn sich verpaart hatten, aber bisher hatten sie es alle irgendwie vermieden, den geheimnisvollen Dämonenlord zu einem dieser Anlässe einzuladen.
Maeve hatte nicht weiter darauf gedrängt und schien Verständnis zu zeigen, da sie offenbar erkannte, dass es Zeit brauchen würde, bis sich die anderen daran gewöhnt hatten, Arawn nicht mehr als Feind zu betrachten, den man im Auge behalten musste, sondern als Mitglied des engsten Kreises, dank seiner Verbindung zu Maeve. Merle hatte so lange in Feindschaft mit Arawn verbracht, dass es ihr schwerfiel, sich daran zu gewöhnen, dass er nun plötzlich auf ihrer Seite stand. Als es jedoch an der Zeit gewesen war, über eine Babyparty nachzudenken, hatte sie beschlossen, dass sie sich nicht länger hinter alten Ressentiments verstecken konnte, und wollte nun einen Schritt nach vorne machen.
Sie hatte längst ihre Loyalität zu Arawn gewechselt und mit ihm zusammengearbeitet, um der Hexengemeinschaft zu zeigen, was geschehen war – und noch immer geschah – in Bezug auf das Erwachen der alten Bestien und die Schwächung der Höchsten Mächte, und sie hatte tatsächlich festgestellt, dass es überraschend einfach war, eine professionelle Beziehung zu ihm unterhalten. Er war in der Tat ein guter Partner, wenn er nicht gerade seine göttlichen Spiele spielte und seine Dominanz zur Schau stellte. Was er, seit Maeve ihn für sich beansprucht hatte, deutlich seltener tat.
Er war nicht wirklich gezähmt, aber Maeve machte ihn auf jeden Fall erträglicher.
Als Merle also Maeves Einladung zur Babyparty geschrieben hatte, hatte sie bewusst Arawns Namen hinzugefügt.
Maeves Augen aus Feuer und Rauch – die so sehr an ihre Phönixnatur erinnerten – waren groß geworden, als sie die Einladung gelesen hatte, die Merle ihr persönlich überreichte. „Bist du sicher?“, hatte sie flüsternd gefragt, mit einem Anflug von Hoffnung in ihrer von Narben gezeichneten Stimme.
Merle hatte genickt. „Bitte sag ihm, dass er willkommen ist.“
Maeves Lächeln war wie die Sonne gewesen, die durch die Wolken stach, so strahlend war es erschienen. Sie hatte ihre Arme um Merle geworfen und sie fest an sich gedrückt. „Danke.“
Jetzt sah Merle Lily an und kaute nervös auf ihrer Lippe, während ein Kribbeln sich in ihrem Bauch ausbreitete. „Das ist das erste Mal, dass er an einer privaten Familienfeier teilnimmt, und ich bin einfach … ich weiß nicht. Es ist irgendwie eine große Sache.“
Ein langsames Schmunzeln schlich sich auf Lilys Gesicht. „Du willst, dass er dich mag.“
„Was? Nein.“ Merle verzog das Gesicht. „Ich meine, ich will nicht, dass er mich nicht mag, aber …“
Lily grinste. „Oh mein Gott, du versuchst total, ihn zu beeindrucken! Warte, warte, ich muss ihm die Liste mit den Schimpfnamen zeigen, die du ihm gegeben hast, als du über ihn geflucht hast, weil er deine Magie aufgebraucht hat. Die ist irgendwo hier auf meinem Handy, wart mal kurz.“ Sie kramte das Gerät aus ihrer hinteren Jeanstasche hervor und begann darauf herumzutippen.
„Lily Azalea Murray“, zischte Merle, „hör sofort damit auf, oder ich sage ihm, dass du ihn einen großen Trottel genannt hast.“
Lily erstarrte, schien dies einen Moment zu bedenken, und steckte dann verstohlen ihr Handy wieder in die Hosentasche.
„Was soll das ganze Gekreische und Gezänke hier drin?“, fragte Alek, in der Tür stehend, bestückt mit einer Schürze über seiner Kleidung und einen mürrischen Ausdruck auf dem Gesicht. „Wie soll ich denn in der Küche meine Magie wirken, wenn ihr beide wie Chihuahuas hier rumbellt?“
Aus der Küche ertönte die perfekte Imitation des Bellens eines kleinen Hundes – in Rhuns Stimme.
„Nenn mich noch ein Mal Chihuahua“, knurrte Merle.
Noch mehr Bellgeräusche aus der Küche.
„Du schläfst heute Nacht auf der Couch!“, schrie Merle in Richtung ihres Liebsten.
Rhun gab ein winselndes Geräusch von sich.
„Hat hier jemand Hunde mitgebracht?“, fragte Merles Vater mit einem Anflug von Aufregung in der Stimme, als er seinen Kopf von der Tür zur Bibliothek ins Wohnzimmer steckte.
„Nein, Dad“, seufzte Merle. „Du weißt doch, dass das Sauron stressen würde.“
Der besagte schwarze Kater blinzelte sie schläfrig mit seinem einen Auge an, während er auf einem Sessel auf der anderen Seite des Raumes lag. Ihr Vater war schon immer ein Hundemensch gewesen und hatte nur widerwillig akzeptiert, dass er sein Haus nun stattdessen mit einer Katze teilen musste, und noch dazu eine, die Hunde absolut hasste. Frank MacKenna war daher zu einem zwanghaften Hundestreicheler geworden, der sich freute, jeden Hund kennenzulernen, dem er auf seinen täglichen Spaziergängen durch die Nachbarschaft begegnete.
In diesem Moment klingelte es an der Tür, und Merle zuckte leicht zusammen, was Lily zu einem Kichern veranlasste. Merle belohnte sie prompt mit einem vorgetäuschten Schlag auf die Schulter.
„Ich geh schon“, rief Rhun und schickte sich an die Haustür zu öffnen.
Als Hazel hereinkam, gefolgt von Basil und Isa, atmete Merle erleichtert aus. Es war lächerlich, wie nervös sie war. Es sollte eigentlich keine große Sache sein.
Und doch, als die Türklingel erneut läutete, gerade als sie Hazel und die anderen begrüßt und Platz genommen hatte, und es aufgrund der fast vollständigen Gruppe klar war, wer die letzten beiden fehlenden Gäste waren, schlug Merles Herz schneller als es sollte und ihre Hände waren ein wenig feucht, als sie diesmal selbst die Tür öffnete – und Maeve und Arawn auf ihrer Veranda stehen sah.
„Hallo“, sagte Merle mit einem Lächeln. „Bitte, kommt rein.“ Während sie sprach, wanderte ihr Blick von Maeve zu Arawn, um sicherzustellen, dass auch er die bewusste Einladung bemerkte, die an ihn gerichtet war.
„Hey, Schwesterchen.“ Maeve umarmte sie und trat dann ein.
Arawn war wie immer makellos gekleidet – diesmal in einem tief burgunderroten Hemd und einer schwarzen Anzughose. Er neigte den Kopf. „Merle.“
Eine bemerkenswerte Veränderung in der Art, wie er sie ansprach – früher hatte er sie oft Feuerhexe genannt, manchmal auch MacKenna, und nur selten ihren Vornamen verwendet.
Sie machten beide kleine Schritte in Richtung einer weniger formellen Art, miteinander umzugehen.
Das ganze Haus schien verstummt zu sein, als Arawn eintrat, und für einen Moment herrschte absolute Stille unter allen, die sich im Wohnzimmer versammelt hatten. Jedes Augenpaar war auf ihn gerichtet, als würden sie alle darauf warten, dass er etwas Dämonenlord-mäßiges tat.
Rhun stand unterdessen von der Wand auf, an die er sich gelehnt hatte, und begann, in einer Kiste zu kramen, die er aus dem Regal genommen hatte.
Was machst du da? fragte Merle ihn über ihren gemeinsamen mentalen Kommunikationsweg.
Ich suche nur nach … aha! Er zog etwas Kleines aus der Kiste, ging in die Mitte des Raumes und ließ es mit einer theatralischen Geste fallen.
Ein leises, kleines Klimpern durchbrach die Stille im Raum.
Alek verschränkte die Arme, sein Gesichtsausdruck gleichermaßen ungläubig wie genervt. „Hast du gerade eine Stecknadel fallen lassen?“
Rhun zuckte mit den Schultern, ein Grinsen huschte über sein Gesicht. „Ich fand es passend.“
Ein Chor von genervtem Stöhnen erhob sich aus den Reihen der Gäste, und jemand warf ein Kissen nach ihm.
Nun, da die Spannung erfolgreich gelöst war, wurden alle sichtlich lockererauf ihren Plätzen, und es begann ein leises Geplauder, währenddessen Maeve Arawn dazu anstupste, sich auf einen der Stühle zu setzen, die aus der Bibliothek herbeigeschafft worden waren. Merle sah zu, wie der Dämonenlord tatsächlich in ihrem Wohnzimmer Platz nahm, ein zivilisierter Gast wie die anderen auch – wenn man den Puls der dunklen Macht um ihn herum ignorierte, die Art, wie die Schatten an seiner Gestalt hafteten, und wie sein schwarzes Haar alles Licht verschluckte.
„Also gut!“, rief Lily, klatschte laut in die Hände und stand auf. „Jetzt, wo alle da sind, lasst uns mit den Feierlichkeiten beginnen! Ich bin eure bescheidene Moderatorin für heute, und der erste Punkt auf der Tagesordnung zur Feier der bevorstehenden Ankunft dieses wunderschönen Babys sind natürlich die Geschenke! Zeigt alle her! Ich fange an.“
Und damit begann eine Parade von wohlüberlegten und nützlichen Dingen, die Merles Freunde und Familie für sie mitgebracht hatten, einige davon inspiriert von den Artikeln, die sie auf ihrer Wunschliste aufgeführt hatte, andere entstanden aus persönlichen Erfahrungen mit Babys, wie im Fall von Hazel und ihrem Vater.
Merle hatte gerade das schwarz-weiße Kontrast-Spielzeug, das Maeve ihr geschenkt hatte, zu dem Stapel der bereits ausgepackten Geschenke gelegt, als Arawns tiefe Stimme sie dazu brachte, sich dem Paar wieder zuzuwenden.
„Hier.“
Sie blinzelte auf das kleine, kunstvoll verpackte Päckchen, das er ihr reichte. Im Raum wurde es still, als sich die Aufmerksamkeit aller auf das letzte Geschenk und seinen Geber richtete.
„Ich wusste gar nicht, dass du selbst auch ein Geschenk mitgebracht hast“, sagte Maeve mit einem warmen Lächeln zu Arawn, während Merle das Geschenk entgegennahm und es vorsichtig auspackte.
Arawn antwortete nicht, sondern beobachtete nur mit stiller Intensität, wie Merle ein kleines Armband aus der Verpackung zog. Magie funkelte um das Schmuckstück herum, eine silberne Kette mit einem Obsidianstein in der Mitte.
Die Macht, die davon ausging, fühlte sich unbestreitbar wie Arawn an.
Merles Blick traf seinen. „Ein Schutzamulett?“
Er nickte. „Für die Kleine. Es enthält einen Funken meiner Magie und wird dazu dienen, Angriffe von Andersweltgeschöpfen zu verhindern. Die Kette wird mit dem Kind mitwachsen, sodass es von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter getragen werden kann.“
Merle holte scharf Luft, und Maeve presste die Lippen zusammen, wobei sich ihre Mundwinkel leicht nach oben verzogen.
Ein unglaublich mächtiges Geschenk, wohlüberlegt und aufmerksam. Aber nicht nur das … Die wahre Bedeutung lag nicht in seinen schützenden Eigenschaften. Mit diesem Armband gab Arawn Merle und Rhuns Tochter nicht nur zusätzliche Sicherheit – er beanspruchte sie als die Seine. Nicht als eines jener Wesen, die in seinen Diensten standen, sondern als Familienmitglied.
Denn wenn dieses Kind in die Welt hinausging, geschmückt mit einem Funken der Macht des Dämonenlords selbst, würden Andersweltgeschöpfe seine Magie an ihm spüren, genauso wie sie Blutsverwandtschaften und Paarungsbande wahrnehmen konnten.
Merle kannte nur eine einzige andere Person, die ein solches Armband trug, und sie wurde weithin als Arawns inoffizielle Adoptivtochter/Schützling angesehen – Lucía.
Maeves subtiles, nicht ganz verstecktes Lächeln zeigte, dass auch sie die Bedeutung dieses Geschenks erkannt hatte. Sie ergriff sanft Arawns Hand, verschränkte ihre Finger mit seinen und drückte einmal zu.
„Es ist nicht völlig narrensicher“, sagte Arawn, seine Stimme ein dunkles Grollen in dem ansonsten stillen Raum. „Seine Kraft ist eher abschreckender Natur als reaktive Verteidigung. Diejenigen, die bei klarem Verstand sind und meine Magie erkennen, werden seine Warnung beherzigen, aber es gibt immer diejenigen, denen die Intelligenz fehlt, um die langfristigen Folgen ihres Handelns zu bedenken.“
Was so ziemlich bedeutete, dass idiotische Andersweltgeschöpfe trotz Arawns Schutzsiegel immer noch angreifen könnten, einfach weil sie zu dumm waren, um zu begreifen, dass Arawn sie dafür töten würde. Dennoch war das Armband und der Segen, den es trug, ein mächtiges Geschenk, und es würde dazu dienen, Merle und Rhuns Tochter als Teil von Arawns unmittelbarer Familie zu beanspruchen, und zwar in stärkerer und greifbarerer Weise als die Beziehung durch seine Paarbindung mit Maeve.
Merle räusperte sich, ihre Brust war eng und ihr Herz trampelte gegen ihren Brustkorb. „Danke“, sagte sie und sah Arawn wieder in die Augen. „Ich weiß das wirklich zu schätzen.“
Arawn nickte einmal. „Gern geschehen … Schwester.“
Merles Augen weiteten sich und sie zuckte unwillkürlich zusammen. Oh Götter, sie würde sich wohl nie daran gewöhnen, tatsächlich mit ihm verwandt zu sein, oder? Es war einfach zu seltsam!
„Ah, ja, göttliche Verwandtschaft“, sagte Rhun gedehnt und legte seinen Arm um Merles Schultern. „Da fühle ich mich ganz heilig.“
„Du wirst gleich einen Heiligentod sterben, wenn du so weitermachst“, murmelte Merle leise, worauf Rhun mit einem Lachen und einem schnell gestohlenen Kuss reagierte.
In diesem Moment sprang Sauron, die schwarze Katze, auf Arawns Schoß, stupste ihn mit dem Kopf an und begann dann, laut schnurrend Milchtritt auf seinen Beinen zu machen.
„Hm“, sagte Rhun. „Das ist interessant. Normalerweise führt er sich nicht so behaglich auf in der Nähe von Leuten, die er nicht kennt.“
Arawn kraulte die Katze unter dem Kinn, wobei ein Hauch von einem Lächeln seine Gesichtszüge ein wenig sanfter werden ließ. Mit seinen waldgrünen Augen auf die Katze gerichtet, sagte er: „Alle wilden Wesen gehorchen mir.“
„Kurze Frage“, sagte Basil und beugte sich auf seinem Stuhl vor. „Könntet Ihr dann vielleicht was mit Lilys Haaren machen? Die sehen völlig ungezähmt aus.“
„Was?“, schrie Lily und warf ein weiches Babyspielzeug nach ihm, während im ganzen Raum Gelächter ausbrach.
Merle kicherte, ihr Blick traf den von Maeve, und ihre kleine Schwester grinste breit und strahlte vor Glück. Glück und Zufriedenheit, zum großen Teil dank des gefallenen Gottes, der neben ihr saß und die Heiterkeit um ihn herum mit heiliger Geduld beobachtete – und einem Funken Belustigung in seinen uralten Augen.
Ja, dachte Merle mit einem Lächeln, das hier könnte tatsächlich funktionieren.

